Dienstag, 15. Mai 2018

Portugal und Chemieexperiment Nr. 2

Mit den Rucksäcken unterwegs in Lissabon
Abschiedsfoto mit unserem tollen Couchsurfer Ricardo (er nahm per Kopfhörer gerade an einem Telefonat für die Arbeit teil, machte aber trotzdem schnell ein Foto mit uns)
Unsere Hütte bei der Familie in Rogil
Die Jurte mit Küche und Wohnzimmer der Familie, draußen der Esstisch
Eine Kröte zu Besuch im Garten
Andy baut eine Konstruktion für die Gurken und Tomaten.
Fanny bereitet die Bambusstöcke für weitere Konstruktionen vor. Im Hintergrund die Kompost-Toilette mit lila Vorhang und die Schlafzimmer-Jurte der Familie
Wandern an der Küste Vicentina (Nordalgarve)
Die Mündung der Seixe in den Atlantik bei Odeceixe


Olá ihr Lieben,

zuallererst die Auflösung des Quizes:
1 C Stuhl im Gang
2 B Thrombosestrümpfe (Es lagen tatsächlich einige Senioren damit am Pool, anstatt sich lieber zu bewegen und auf die Strümpfe verzichten zu können.)

In Lissabon übernachteten wir drei Nächte bei einem Couchsurfer, der alleine wohnt und sich über Gesellschaft freute. Er zeigte uns ein bisschen von Lissabon und an einem Abend gingen wir mit ihm und einer Freundin von ihm aus. Nachdem wir unser Visum für Russland beantragt hatten, fuhren wir mit dem Bus vier Stunden in den Süden Portugals nach Rogil in die Nordalgarve. Dort verbrachten wir die vergangenen zwei Wochen bei einer Familie, die in einer bzw. drei Jurten wohnt und ihren Garten bewirtschaftet, sodass sie sich – zumindest im Sommer – mit Gemüse selbstversorgen können.
Wir hatten die Familie über die Seite workaway.info gefunden, was bedeutet, dass wir im Austausch gegen Unterkunft und Verpflegung hier arbeiteten. Die Familie kommt aus Frankreich, daher war Französisch ihre Hauptsprache, der Vater hat allerdings portugiesische Eltern. Sie arbeiten kaum auswärts, sondern ihre Arbeit ist der Haushalt und der Garten, der ihnen dann Nahrungsmittel „gibt“. Die drei Kinder gehen auch nicht in die Schule oder einen Kindergarten, sondern die Eltern praktizieren das sogenannte „un-schooling“ nach John Holt. Der Grundgedanke ist, dass Kinder im Kontakt mit anderen Menschen immer etwas lernen und v.a. wenn sie etwas lernen wollen, es sehr schnell lernen. Und dass es keine spezialisierten Pädagogen und einen spezialisierten Ort für‘s Lernen braucht. Voraussetzung ist natürlich, dass also die Eltern den Kindern die Möglichkeiten und das Material geben, mit dem gelernt werden kann. Das Konzept ist interessant und es war interessant für uns, die Kinder der Familie zu beobachten. Sie waren in einigen Bereichen schon überdurchschnittlich gut, z.B. im Klettern, lagen dafür in anderen Bereichen hinter zur Schule gehenden Kindern. Was das Lernen angeht, kann man darüber streiten, ob Schule oder un-schooling besser ist, allerdings fanden wir, dass es alleine wegen sozialer Kontakte schön ist, als Kind eine Schule zu besuchen.
Wir wohnten hier in einer Holzhütte mit einer kleinen spartanisch eingerichteten Küche und einem Waschbecken im Garten. Das große Geschäft wurde auf der Kompost-Toilette der Familie verrichtet, das kleine irgendwo im Garten. Tagsüber arbeiteten wir meist im Garten (Beete umgraben, Pflanzen pflanzen, Unkraut jäten, Eselsscheiße holen etc.), spielten mit den Kindern oder halfen im Haushalt zu kochen, backen oder abzuwaschen. Mittags gab es Essen für alle zusammen, morgens und abends aßen wir alleine in unserer Hütte. Wir genossen die Natur, die Ruhe (, die wir in Lateinamerika vergeblich gesucht hatten) und die Sonne (allerdings war es seeeehr windig wegen der unmittelbaren Nähe zum Atlantik). Und Andy feierte hier einen schönen Geburtstag mit Pizza, zwei Kuchen und abends einem heißen Bad in der Badewanne (das Wasser wurde mit Tannenzapfen aus dem Wald nebenan in einem Ofen angeheizt).

Die Familie war sehr nett, aber es gab ein paar Dinge, die uns nicht so gefielen: Sie waren etwas geizig mit dem Essen. Nicht mittags, aber für unser Frühstück und Abendessen mussten wir sie leider öfters erinnern, dass wir noch Lebensmittel brauchten, da nur weißer Reis etwas eintönig ist als Frühstück. Außerdem waren sie – zumindest die Mutter – etwas spirituell und irgendwann hörten wir nur noch halb zu, wenn sie uns von irgendwelchen Zeremonien vorschwärmte. Zum Glück waren sie nicht missionarisch. Auch die Hygiene der Familie entsprach nicht ganz unserer. Die Familie benutzt so gut wie keine Seife, kein Spülmittel und keine Putzmittel, sondern für alles nur Wasser. Entsprechend wurde auch nur mit Wasser das Geschirr abgewaschen und war danach meist noch fettig.
Der Höhepunkt war allerdings ein weiteres Chemieexperiment auf unserer Reise: Im Garten der Familie gab es viele Orangen – süße und bittere. Die Mutter erzählte uns, dass Bitterorangensaft mit Natron eine reinigende Wirkung habe und dass das Natron den Geschmack ändern würde. Auch wenn mich die Reinigung nicht so sehr interessierte, ich wollte mal probieren, wie das schmecken würde. Eines Mittags wurde uns dieses „Getränk“ dann angeboten und wir probierten jede/r nur ein paar Schlucke. Andy hatte von dem ganzen spirituellen Quatsch nichts mitbekommen. Er hörte nur, dass dies Orangensaft mit Soda sei. Oh Soda, also O-Saft mit Kohlensäure! Lecker! Hm, war es dann aber nicht. Zunächst war nichts zu merken, aber am nächsten Tag ging es uns schlecht, und zwar, weil das Natron im Bauch und Darm mit der Säure reagierte. Der Körper schickte hinten alles raus, was nur möglich war und auch Luft/Gas kam oben und unten zu Genüge heraus. Andy ging es nach einem halben Tag wieder einigermaßen gut, bei mir fing es später an und dauerte anderthalb Tage bis es mir wieder gut ging. Da war ich dann allerdings ganz schön schwach, weil ich solange auch nichts gegessen hatte. Die Familienmutter sagte zwar irgendwann, dass es ihr leid tue, betonte aber eher, dass es ja super sei, dass bei uns die Reinigung in Gang gekommen sei. Ja, echt, wir fühlten uns auch suuuuper – NICHT.

An unserem eig. einzigen freien Tag, an dem es uns auch gut ging, wanderten wir etwa 12 Kilometer die Küste entlang, von Rogil nach Odeceixe. Man lief auf den Felsen hoch über dem Meer einen Sandweg durch eine Landschaft von sehr niedrigen Gewächsen entlang. Der Wind fegte uns um die Ohren und die Sonne wärmte uns von oben. In Praia Odeceixe sahen wir den Strand und die Mündung der Seixe in den Atlantik. Zurück fuhren wir per Anhalter, was auch prima klappte. Es war ein schöner Tag.

Nun sind wir zurück in Lissabon, wieder mit Internetzugang und haben vorhin unser Visum für Russland abgeholt – juhu, wir haben es tatsächlich erhalten, d.h. es geht nun langsam Richtung Russland, sodass wir ab dem 1. Juli dort einreisen können.
Übermorgen geht es aber erst mal mit dem Nachtbus nach Fuengirola in Südspanien, wo Andy vor drei Jahren für drei Monate als Aupair bei einer Familie gearbeitet hat.

Bis bald, macht‘s gut
Andy und Fanny

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