Montag, 3. September 2018

Nordindien

Das obligatorische Foto vorm Taj Mahal
Weitaus weniger bekannt - das Eingangstor zum Gelände des Taj Mahal
Streifenhörnchen - kein seltener Anblick
Eingang in einen hinduistischen Tempel in Delhi
Innenraum des besagten Tempels



नमस्ते (Namaste) ihr Lieben,

nun sind wir schon seit über zwei Wochen in Indien und kommen jetzt erst dazu, mal wieder zu berichten. Wir landeten also in Delhi und verbrachten erstmal fünf Tage dort. Der erste Tag war wohl auch der schrecklichste, denn wir wollten uns um eine indische SIM-Karte und Zugtickets kümmern. Es stellte sich bald heraus, dass wir nicht wussten, wem wir trauen können und wem nicht, v.a. weil Delhi dafür bekannt ist, dass westliche Reisende über den Tisch gezogen werden. Es gibt dabei allerhand Tricks, wie z.B. dass man zum offiziellen Touristenbüro der indischen Bahn im Bahnhof gehen möchte und vorher abgefangen wird, einem erzählt wird, dieses sei geschlossen, aber man könne zu einem anderen vermeintlich „offiziellen“ Touristenbüro mitkommen – wo man dann allerdings abgezogen wird, wenn man nicht kritisch genug ist. Den Touristen-Bahnschalter fanden wir ohne Probleme, die Beschaffung der SIM-Karte war allerdings ein Abenteuer.
Auf unsere Nachfrage zeigte uns ein Mann vom Hotel einen Vodafone-Stand am Straßenrand. Da wir im Internet allerdings lasen, dass das schon ein richtiges Geschäft sein muss, waren wir misstrauisch. Sonst bekommt man oft eine gebrauchte SIM und hat das gezahlte Geld in den Sand gesetzt. Wir suchten im Internet also einen Vodafone-Shop in unserer Nähe heraus und liefen im Gewühle und in der Hitze zu dem angegebenen Ort, fanden aber nichts. Ein Mann wollte uns helfen und erklärte, ein ehemaliger Premierminister sei am Tag zuvor gestorben und aufgrund der Staatstrauer haben nun viele kleine Läden mehrere Tage geschlossen. Wir sollen doch weiter ins Zentrum fahren, dort könne man eine SIM-Karte beim Ministerium für Tourismus bekommen. Hmm, ob das stimmen mag? Er hielt uns ein Tuk tuk (motorbetriebene Rikshaw) an und dieses brachte uns zu einem vermeintlichen Ministerium für Tourismus. Das ganze sah sehr professionell aus, aber der Mann dort war uns zu aufdringlich, wir wurden misstrauisch.
Schließlich nahm uns ein Mann von der Straße mit zu einem Shop eines indischen Mobilfunkanbieters. Dieser sah auch vertrauenswürdig aus und es klappte alles, wir hatten schließlich eine funktionierende SIM-Karte mit Internet. Nur wissen wir nicht, ob in dem Preis, den wir zahlten, noch eine Provision enthalten war, für den Mann, der uns zu dem Shop brachte. Auch das ist sehr häufig der Fall in Indien.

Nach diesem anstrengenden ersten Tag ging es allerdings bergauf und wir haben inzwischen ein gesundes, aber nicht zu starkes Misstrauen entwickelt. Wir machten ein bisschen Sightseeing in Dehli, u.a. das Red Fort (eine alte rote Festung); einen Park mit einer goldenen Buddha-Statue, in dem wir fast nur knutschende (was sonst in der Öffentlichkeit ja verpönt ist) indische junge Pärchen sahen; die dunklen, stickigen Gassen von Alt-Delhi; einen hinduistischen Tempel und einen weiteren Park. Außerdem fuhren wir mit dem Zug nach Agra und guckten uns das berühmte Taj Mahal an, sowie das Agra Fort. Das Taj Mahal war echt ein Erlebnis und in Wirklichkeit sieht es viel filigraner aus als auf Fotos. Beim Agra Fort fing an, was uns hier nun in unterschiedlicher Intensität verfolgt: Sämtliche Inder_innen wollen Fotos/Selfies mit uns machen. Und willigt man einmal ein, dann stehen sie tw. sogar Schlange. Wir nehmen es gelassen und machen freundlich mit, immerhin machen wir ihnen damit eine große Freude. 
Alt-Delhi - fragt sich, wer diesen Gordischen Knoten je wieder entwirren wird?!
Eingang zum Red Fort Delhi
Diese Familie wollte mit uns fotografiert werden, beim Agra Fort.
In Indien stehen wir unter ständiger Beobachtung und werden regelmäßig auf der Straße angesprochen: „Hello, what‘s your name? Where you from?“ oder auch „Namaste“ und Andy bekam regelmäßig „nice beard“ (hübscher Bart) zu hören. Woran wir uns in (Nord-)Indien außerdem gewöhnen mussten? Den Lärm der Autohupen (Ohropax sind super hilfreich), Kühe auf der Straße und auch fast überall sonst (z.B. auf dem Bahnsteig), auch Hunde und Ziegen an vielen Orten, viel Dreck, Verpackungsmüll, Menschen- und Tierscheiße, und jede Menge Abgase und stickige Luft.
Die Belohnung allerdings: wirklich leckeres Essen, bunte Farben und gute (Räucherstäbchen-)Düfte und auch jede Menge freundlicher und interessierter Menschen. Indien ist ein Land der krassen Extreme, man findet hier alles (sagen selbst die Inder_innen). Gleichermaßen haben wir gelesen, dass es Unterschiede zwischen Nord- und Südindien gibt (der Süden soll freundlicher, sauberer und in besserem Zustand sein) und wollen daher zunächst für Nordindien und über unsere Erfahrungen dort sprechen.
Kinder spielen im Müll am Fluss
Diese Kuh chillt am Bahnhof in Neu-Delhi.
Der Bahnhofsvorplatz in Neu-Delhi
Auf zum Nachtzug!
Von Delhi ging es dann mit dem Nachtzug nach Varanasi. Wir haben schon von Zügen mit ca. 10 Stunden Verspätung gehört, hatten aber bisher immer Glück. Pünktliche Abfahrt und Ankunft mit „nur“ ein bis drei Stunden Verspätung.
Varanasi ist nochmal ein Ort für sich. Die Stadt ist für die Hindus heilig, da sie am heiligen Fluss „Ganges“ liegt. In diesem Fluss wird gebadet, gewaschen und die Toten werden dort bestattet. Ja, ihr habt richtig gehört. Und noch dazu muss ich sagen, dass wenn man den Fluss als Nicht-Gläubige_r betrachtet, dann ist es nur eine braune, völlig verdreckte Brühe – einer der schmutzigsten Flüsse der Welt.
Die verschiedenen heiligen Dinge (Baden, Waschen, Tote Bestatten) werden an verschiedenen sogenannten Ghats (Treppen als Zugänge zum Fluss) ausgeführt. Einen richtig guten Überblick bekamen wir bei einer morgendlichen Bootstour. Normalerweise kann man auch am Fluss direkt entlang laufen, durch den Regen ist das Wasser derzeit aber zu hoch. Es gibt ein paar Ghats mit verschiedenen Funktionen. Gebadet wird an vielen verschiedenen, genauso wie das Kleidung Waschen. Und dann gibt es ein Ghat, wo die Toten verbrannt werden, und hier kommt man dem Thema Tod so nah, wie sonst kaum. Hier verbrannt und in den Fluss gestreut zu werden (Schwangere, Kinder und Heilige werden übrigens nicht verbrannt, sondern die Leiche wird im Fluss versenkt) soll bewirken, dass die Hindus aus dem ewigen Kreis der Wiedergeburt ausbrechen können und für immer ihre Ruhe finden.
An diesem Ghat steht man zwischen Kühen, Kuhscheiße und Straßenhunden und sieht die brennenden Scheiterhaufen. Eine nach der anderen kommen die Prozessionen der Trauernden mit einer Bare aus Bambus, auf der die Leiche, in orangene und goldene Tücher gewickelt, liegt, zum Ghat runtergelaufen. Wir sehen nur Männer unter den Trauernden – Frauen seien nicht erlaubt, erzählt man uns, da zumindest die (Ehe-)Frauen zu oft schon mit auf dem brennenden Haufen gesprungen waren, um zusammen mit ihrem Mann die letzte Ruhe zu finden. Das Holz für die Verbrennung wird zu einem viereckigen Haufen aufgestapelt. Hierbei wird, wenn man es sich leisten kann, oft (ein Teil) Sandelholz benutzt, da dieses beim Verbrennen gut riecht. Die Leiche wird auf der Bambusbare zuerst einmal in den Fluss getaucht und dann am Ufer abgelegt. Als der Haufen soweit ist, werden die Tücher abgenommen und wir können beobachten, wie ein naher Angehöriger die Leiche des (in diesem Fall) jungen Mannes in seine Arme nimmt und sie behutsam auf den Holzhaufen legt. Durch einen Ast wird der Kopf stabilisiert. Die Angehörigen nehmen Abschied und dann wird der Holzhaufen angezündet. Daneben brennen schon zwei Haufen seit geraumer Zeit und als wir nach einem Cafébesuch wiederkommen, brennt der besagte Haufen auch immer noch lichterloh.
So wird einer nach der anderen ein_e Tote_r verbrannt und findet im heiligen Ganges seine letzte Ruhe. Rund um den Ghat riecht man den Rauch und Asche wirbelt durch die Luft. Überall ist Holz aufgestapelt um dem hohen Verbrauch nachkommen zu können. Und Touristen, wie auch Einheimische, beobachten das Geschehen gleichermaßen. In den engen, dunklen, verzweigten und dreckigen Gassen rund um den Ghat gibt es jede Menge kleine Läden, Cafés und Restaurants. Motorräder fahren laut hupend durch die Gassen und parken in Kuhscheiße. Kinder rennen über den Pflasterstein, Alte sitzen an den Straßenrändern, hier und da liegt ein Mensch und schläft. Müll und Tierkot wird weggefegt. An der nächsten Ecke werden Samosas frittiert. DAS ist ein extremes Beispiel und steht keinesfalls für jeden Ort in Indien, aber hier kommen viele Extreme zusammen, die es in Indien gibt.
Zeremonie am Ganges
Viele Menschen baden im Ganges.
Varanasi vom Fluss aus gesehen
In Varanasi wohnen wir etwas außerhalb des Zentrums in einem Gästehaus bei einer sehr netten Familie. Die Mutter verwöhnt uns mit leckerem, hausgemachtem Essen und wir nehmen bei ihr einen kleinen Kochkurs und lernen ein Thali zuzubereiten. Thali, im Süden auch Meal genannt, ist eine Platte mit verschiedenen Currys, Linsen, Reis, Brot, ev. Salat (hier meist die Bezeichnung für frische Zwiebeln mit Limette und Salz), ev. Pickles (Eingelegtes) und je nach Version manchmal noch mit Joghurtgerichten oder Nachtisch. In Delhi haben wir Thali unlimited (das bedeutet man bekommt so oft mehr gereicht, wie man möchte) z.B. für 70 indische Rupien gefunden. Das sind umgerechnet keine 0,90 €. In touristischen Gegenden findet man das aber auch mal teurer für bis zu 2,50 €. In dieser Hinsicht lebt man echt günstig in Indien, v.a. an nicht so touristischen Orten. Wegen Infektionsgefahr meiden wir Essen von Straßenständen und Frisches, v.a. wenn man es nicht einfach schälen kann. Mit Tuk tuk-Fahrern müssen wir immer hart verhandeln, denn sie wollen (wie übrigens viele andere auch) anfangs oft mehr als das Dreifache des normalen Preises von uns haben.
Ein typisches Thali
In Varanasi guckten wir uns noch das Gelände der Universität an. Hier fanden wir auch ein Institut für Ayurveda. Dann ging es zum Bahnhof, um mit dem Nachtzug nach Jabalpur in Zentralindien zu fahren. Für den 6 km langen Weg zum Bahnhof brauchten wir eine gute Stunde. Die Straßen sind überfüllt, jeder Raum wird genutzt – von Fußgänger_innen, Fahrradfahrer_innen, Mopeds, Tuk tuks, Rikshaws, Autos, Kühen, Hunden -, es regnet und stinkt nach Abgasen. Aber irgendwann sind wir da und froh, viel zu viel Zeit eingeplant zu haben. Auch der Bahnhof ist voll von wartenden, auf dem Boden schlafenden oder sitzenden Reisenden. Es gibt einen Warteraum für „foreigners“ (Ausländer_innen), der uns empfohlen wird – dort sitzen vier weitere Touristen in einem riesigen Raum mit schicken Sofas, Klimaanlage, Ventilatoren und sauberen Toiletten. Ja, Indien ist ein Land der Extreme.
Wartende im Bahnhof von Varanasi...
...Warteraum für ausländische Reisende gleich daneben
Nächstes Mal berichten wir dann von Jabalpur und Zentralindien.
Bis dahin, viele Grüße von
Andy und Fanny

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