Freitag, 6. Juli 2018

Tschüss Estland, hallo Russland

Noch ein Bild vom Mittsommerfest, von dem wir im letzten Eintrag erzählt hatten. Hier wird gespielt.
Estland: Man sieht den Wald vor lauter Birken kaum.
Möwi in Tallinn ;-)
Mit dem Bus ging's nach Russland - neee, der ist nur noch Ausstellungsstück vorm Busbahnhof in Tallinn
Vor der Blutkirche in St. Petersburg
Die charmante Toilette der Wohnung in St. Petersburg
"Platzkart"-Abteil im Zug nach Moskau
In Moskau auf dem Roten Platz vor der Basilius-Kathedrale
Auf dem Weg zum Lenin-Mausoleum. Hinter dieser Mauer verschanzt sich der Kreml.
Lenin-Statue in der Nähe des Gorky-Park
Eingang nach Berl... ne, in den Gorky-Park
Abendessen mit unseren Gastgebern Igor und Jelena
Laut Igor ein stereotyper russischer Esstisch: russisches Bier in den dunklen Plastikflaschen, selbstgebrannter Vodka in der Cola-Flasche, Borschtsch (auf russisch Bosch ausgesprochen), dazu Smetana (etwa saure Sahne) und Weißbrot, Ikra (eingemachtes Gemüse) mit gelbem Deckel, vorne die Kurzen im Glas, Kirschen und allerlei Knabberzeug zum Alkohol.


ПРИВЕТ (Privjet) ihr Lieben,

ein paar Tage später war also unser letzter „Arbeitstag“ bei der Familie. Andy fing schon früh, weil er wegen kläffenden Hunden und krähenden Hähnen der Familie nicht schlafen konnte, an Erdbeeren zu pflücken und Fanny verarbeitete sie anschließend: Sie wurden in Scheiben geschnitten und in eine Trockenmaschine auf Gitter gelegt, damit es später getrocknete Erdbeeren für den Winter gibt.
Dann ging es los nach Tallinn. Wir nahmen den ersten der beiden Züge am Tag, der sehr früh fuhr. Da es aber schon ab 3 Uhr wieder hell ist, war es auch nicht so schwer, früh aufzustehen. Die Mutter der Familie fuhr uns zum Bahnhof. Auf dem Weg dahin sahen wir plötzlich am Straßenrand eine riesige Elchkuh und ihr Baby. Letzteres sprang zum Glück sofort zurück in den Wald und die Elchmama machte auch keine Anstalten uns vor‘s Auto zu springen. Also durften wir zum Abschied nochmal dieses riesige wundervolle Tier betrachten. Für ein Foto reichte die Zeit allerdings leider nicht mehr – der Zug wartet nicht und wir waren nicht gerade früh dran. Jetzt versteht ihr vielleicht, wie weit draußen in Wald und Natur wir waren, wenn man dort sogar Elche antrifft.
Mit dem Zug ging es zuerst nach Tartu und von dort nach Tallinn. Es dauerte nur gute drei Stunden und wir hatten Estland einmal durchquert. Tallinn gefiel uns auf Anhieb. Eine überschaubare grüne Stadt mit mittelalterlichem Stadtkern. Wer gerne auf Mittelalter-Weihnachtsmärkte geht, der/die sollte unbedingt mal nach Tallinn fahren! In Tallinn war es auch gleich kühler aufgrund der Nähe zur Ostsee und der Lage im hohen Norden, und es regnete ein bisschen. Wir erkundeten zwei Tage lang die Stadt, v.a. die Burg und die Gassen der Altstadt, aßen leckeres veganes Essen, fanden einen Bioladen und wuschen mal wieder Wäsche.
Allerdings kam bei Andy eine leichte Erkältung auf und Fanny bekam ein Gerstenkorn am Auge (wie ein Pickel im Augenlied, schwillt aber ziemlich groß an). Am 1. Juli, pünktlich zu Visumsbeginn, ging es dann per Bus nach St. Petersburg. Der russische Busfahrer sprach nur Russisch und war auch sehr unfreundlich. Nach etwa drei Stunden erreichten wir die Grenze. Zuerst gab es eine Kontrolle zur Ausreise aus der EU. Alle Pässe wurden im Bus eingesammelt und später wieder (bei uns unverändert) zurückgebracht. Das Gebäude war modern. Dann fuhren wir über die eigentliche Grenze, einen See/Fluss mit zwei Festungen, die auf der einen Seite die estnische Flagge, auf der anderen Seite die russische gehisst hatten, und kamen zum russischen Grenzpunkt. Zuerst wurden im Bus alle Pässe angeguckt, bevor wir überhaupt reinfahren durften. Dann mussten alle aussteigen, sich in einem sehr alten Gebäude in einer Schlange anstellen und nacheinander den russischen Grenzbeamten vortreten. Diese begutachteten das in den Pass geklebte Visum, stempelten die Einreise in den Pass und druckten einen kleinen Übersichtszettel, der später wieder abgegeben werden muss, aus. Fanny war heilfroh, dass sie erkannt wurde, hatte sie doch ein komplett angeschwollenes, geschlossenes Auge. ;-)
Nach kurzer Wartezeit ging es geschlossen dann wieder in den Bus. Bei Ausfahrt aus der Zone der russischen Grenze wurde nochmals im Bus kontrolliert, ob auch alle einen Stempel erhalten hatten, und dann durften wir weiterfahren. Willkommen in Russland. Andy konnte es kaum glauben. Die erste merkliche Veränderung zu vorher war: Die Straßen waren abrupt von schlechterer Qualität. Ansonsten sahen wir auf dem weiteren Weg viel Natur und wandten an, was wir in Estland schon geübt hatten – das russische Alphabet. Großer Vorteil, wir können hier jetzt lesen, was wo steht und klar, wir können nicht alles verstehen, aber einige Wörter sind doch verständlich: Supermarket, Tualet, Hotel etc.
In St. Petersburg hatten wir wieder eine Wohnung über Airbnb gemietet. Sie war charmanterweise nicht renoviert und zeigte somit, wie es wohl früher in russischen Wohnungen aussah. Aber wir fühlten uns wohl und trotz der zentralen Lage, war es sehr ruhig. Eine Feststellung: In Russland gibt es im Bad kein Waschbecken. Es gibt einen Raum mit Toilette und einen mit Badewanne. Das ist alles. Hände waschen und was man sonst so am Waschbecken macht, geht wohl auch über der Badewanne.
Inzwischen war auch Fanny erkältet und hatte immer noch ein dickes Auge, sodass wir uns St. Petersburg per Hop-on Hop-off-Bus anguckten. Dort wurde auch erzählt, dass eine bekannte Persönlichkeit über die Stadt gesagt haben soll, es gebe in St. Petersburg nur eine Jahreszeit und das sei feuchtkalter Herbst. Wir mussten zustimmen. Hier am nördlichsten Punkt unserer Reise war es am 2.7. etwa 11 ˚C kalt, grau und regnerisch.
In St. Petersburg konnten wir auch schon deutlich den Einfluss der WM sehen: Fans in der Stadt, für Fan-Feste aufgebaute und abgesperrte Zonen und hupende Autos als Russland gegen Spanien gewann.
Zwei Tage später ging es mit dem Zug nach Moskau. In den Bahnhöfen wird hier zur Zeit der WM verstärkt kontrolliert, sodass wir jedesmal beim Betreten eines Bahnhofes durch eine flughafenähnliche Kontrolle laufen müssen. Wir fanden schnell unseren Zug und dort unsere Plätze. Wir hatten für die achtstündige Fahrt Liegeplätze im oberen Bereich gebucht. Und das in der dritten Klasse, der sog. „Platzkart“, wo es in einem riesigen Abteil 54 Liege-/Sitzplätze gibt. Nicht das Komfortabelste, aber gemütlich und man lernt die russische Kultur kennen. Wir durften, wenn wir nicht oben auf unseren „Betten“ lagen, unten bei unseren Sitznachbarn mit draufsitzen. Oben zu sitzen ist unmöglich, da man den Kopf zu sehr einziehen muss. Ein älteres russisches Pärchen kam mit sehr viel Gepäck. Von anderen Mitfahrenden wurde gleich geholfen, Stauplatz dafür zu finden. Sobald der Zug losfuhr, liefen die Russen reihenweise zur Toilette und zogen sich gemütlichere Kleidung und Hausschuhe an. Die Betten wurden mit bereitliegender Bettwäsche bezogen und das Essen wurde ausgepackt. Das russische Pärchen versorgte uns sogleich mit Kirschen – auch das ist wohl typisch, die Leute bieten einander Essen an und teilen, was sie haben.
Die Fahrt war entspannt. Wir aßen, dösten, lasen, hörten Musik und guckten raus. Draußen gab es v.a. sehr viele Wälder, Seen und Wiesen zu sehen und Häuser im Stil, wie wir sie schon aus Estland kannten. In Moskau angekommen, mussten wir uns erstmal durchfragen, um den Zug zu unserem Hostel zu finden. Aufgrund der Sprachbarriere gestaltete sich dies nicht ganz so einfach, aber wir hatten zum Glück die Verbindung in Kyrillisch aufgeschrieben, hielten den Leuten den Zettel unter die Nase und die redeten dann Russisch und zeigten in irgendeine Richtung. Außerdem profitierten wir gleich von der WM. Im Bahnhof gab es einen Infostand mit englischsprechenden Volontären, die uns weiterhalfen. Für Moskau hatten wir Gastgeber bei Couchsurfing gefunden, allerdings für die erste Nacht ein Hostel gesucht, da wir recht spät ankamen. Fanny hatte dabei eher darauf geachtet, dass es nicht sooo weit weg ist und günstig, die Bewertungen vorher zu lesen, hätte allerdings dazu geführt, dass wir das Hostel nicht gebucht hätten. Wir landeten in einem Industriegebiet. Das Hostel hatte, zumindest am Eingang, kein Schild. Wir wurden von der zuständigen Frau auf der Straße angesprochen und dann ins Haus geführt. Um es kurz zu fassen: Das Hostel war in grausigem Zustand. Viele Personen, v.a. Männer, wohnen hier wohl permanent. Andy sollte eig. ein Bett im Männerschlafsaal haben und Fanny im gemischten, weil es dort laut Buchungsseite nur noch ein freies Bett gab (, was sich als falsch herausstellte). Allerdings war das nicht wirklich ein Bett, was Andy dort angeboten wurde, bei Fanny sah es besser aus. Ja, wäre es nicht schon spät gewesen, wären wir wohl woanders hingegangen. So beschlossen wir kurzerhand zusammen in Fannys kleinem Bett zu übernachten und am nächsten Morgen baldig die Flucht zu ergreifen. Immerhin waren bei uns im Zimmer auch eine russische Mutter mit erwachsenem Sohn, der an der Uni angemeldet werden sollte (soweit wir sie verstehen konnten), und eine weitere Frau, die nur vorübergehend Gäste waren und genauso schockiert wie wir. Sie boten uns Tee und Kekse an, die Frau war Ärztin und schrieb sogleich Mittel auf für unsere Erkältung und Fannys Auge.

Wir fuhren zurück zum Bahnhof, froh, das Hostel hinter uns gelassen zu haben, und gaben unser Gepäck ab um dann zum Roten Platz zu fahren. Später trafen wir unseren Couchsurfer-Gastgeber Igor und fuhren mit zu ihm nach Hause, wo auch seine Frau Jelena später zu uns stieß. Die beiden sind sehr gastfreundlich. Es ist das erste Mal, dass sie jemanden über Couchsurfing aufnehmen und sie luden uns in ihre 1-Zimmer-Wohnung ein, wo sie uns sogar ihr Bett überließen um selbst in der Küche zu schlafen. Sie verwöhnten uns mit allerlei Snacks, russischem Essen, selbstgebranntem Vodka und hiesigem Bier – wir sollten Igor sagen, ob dieses anders schmecke als deutsches. Sie lernen bzw. verbessern derzeit über Skype-Unterricht ihr Englisch und wollten gerne mit uns üben sowie Leute aus einem anderen Land treffen. Wir lernten von ihnen viel über Russland.
Am zweiten Tag in Moskau fuhren wir wieder zum Roten Platz und gingen dort ins Lenin-Mausoleum, wo man nach 50 Minuten anstehen für 30 Sekunden den einbalsamierten Lenin betrachten kann. Außerdem gingen wir in die Basilius-Kathedrale, die heute ein Museum mit vielen kleinen Räumen ist und guckten uns später noch den berühmten Gorky-Park an.

Heute Abend geht es dann per Nachtzug nach Kazan.
Bis bald, viele Grüße
Fanny und Andy

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